Kerstin Bund - Die ZEIT

Offener Brief
Sehr geehrte Frau Bund,
ich habe Ihren Artikel "Wir sind jung...." in der Zeit Nr.10 (27.02.2014) gelesen. Irgendetwas störte mich an dem Bild, dass der Artikel in mir erzeugte. Ich habe ihn mehrfach gelesen. Am Ende gewinne ich mehr und mehr den Eindruck, dass Ihre Ausführungen, die mit dem Hinweis im letzten Absatz: "....meine Generation zieht nicht fahnenschwenkend durch die Straßen oder rüttelt an Konzerntoren. Wir verändern Wirtschaft und Gesellschaft lautlos und schleichend, aber danach wird die Berufswelt eine andere sein" einer Bestätigung Ihrer Hinweise im ersten Absatz nahe kommen:"....wir seien ....groß darin, uns selbst zu überschätzen. Der Kern Ihrer Fehleinschätzung liegt m.E. in der Unterschätzung von Leistungen, die Generationen vor Ihnen erbracht haben. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bereits Ende der 1970er Jahre gab es die ersten Väter, die sich Teilzeitverträge "erkämpften" um mehr Zeit für ihre Familien zu haben oder Eltern pflegen zu können. Sie verzichteten nicht nur auf Einkommen (materiellen Wohlstand) sondern mussten zusätzlich in ihren Betrieben die Leiden des Exoten-Daseins ertragen. Heute stehen wir an einem Punkt, an dem diese Lebensphilosophie ihr Exoten-Image überwunden hat. Nicht zuletzt deshalb, weil mittlerweile auch Pioniere dieser Philosophie Führungspositionen einnehmen. Den vorläufigen Gipfel dieser Entwicklung, als Leistung einer Generation Y zu kennzeichnen, verkennt den Prozesscharakter gesellschaftlicher Entwicklungen.
Viele der von Ihnen angesprochenen Fakten (oder teilweise auch Fiktionen) lassen sich in ähnlicher Weise hinterfragen. Mich stören in Ihrem Denken immer wiederkehrende Elemente des Trennens. Trennen zwischen Ihrer Generation und anderen Teilen der Bevölkerung. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf Ihren Artikel Generation Erblast (Zeit 37/2012). Würden Sie die Originalität, die Sie sich selbst bescheinigen, angewendet auf  Veränderungen der Gesellschaft, in ein Bild des Säens und Erntens einfließen lassen, würde das Phantasiepotential der Generation Y möglicherweise durch Potentiale anderer Teile der Bevölkerung ergänzt werden. Das wiederum würde die Lösungsmöglichkeiten hinsichtlich der demografischen Herausforderungen, denen Ihre Generation entgegen geht, nicht schmälern.
Abschließend frage ich mich nach dem Zeck dieses Artikels zu diesem Zeitpunkt. Bereits in der Ausgabe 11/2013 schrieben Sie gemeinsam mit Uwe Jean Heuser und Anne Kunze einen Artikel "Generation Y - Wollen die auch arbeiten?". Ihr jüngster Titel beschäftigt sich mit genau dem damaligen Thema, teilweise unter Verwendung gleicher Begrifflichkeiten. Wo sehen Sie darin etwas "Fantasievolles". Ich hoffe nicht, dass der Artikel als Plattform für die Ankündigung Ihres Buches "Glück schlägt Geld" (19,99 €) dienen soll. Dann hätten wir unterschiedliche Auffassungen von Ihrem Begriff der "spielerischen Kreativität". Eine beabsichtigte Verbindung käme dann eher einem "Geschmäckle" gleich.

Mit freundlichen Grüßen
Peter Vollmer

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Auf Nachfrage bzgl. Beantwortung des offenen Briefes antwortet Frau Bund am 29.04.2014:

Lieber Herr Vollmer,

das würde ich gerne, aber leider fehlt mir die Zeit.

Freundliche Grüße
Kerstin Bund
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