Work in Progress - Kongress zur Zukunft der Arbeit



Eindrücke eines Teilnehmers

Am 14.03.2014 veranstalteten die Hamburg Kreativgesellschaft und Kampnagel einen Hamburger Kongress zur Zukunft der Arbeit. Ich habe verschiedene Veranstaltungen des Gesamtprogramms besucht. Dabei interessierte mich vor allen Dingen das Verhältnis der zukünftigen Entwicklung der Arbeit zu meinem Schwerpunktthema „nationale Nachhaltigkeitsstrategie“. Der Beitrag „Die verpasste Great Transition? – Wege zur nachhaltigen Transformation unserer Wirtschaft – ein Realitätscheck“ war der wichtigste Beitrag, der diesem Thema eine besondere Bedeutung beimaß. Die Podiumsdiskutanten
Jana Gebauer, Prof. Dr. Harald Heinrichs, Ulf Schönheim stimmten weitgehend darin überein, dass ein Umbau unserer Wirtschaft vor dem Risiko des Klimawandels (Anstieg des CO2-Gehalt in der Atmosphäre) bisher nicht gelungen ist. Zwar zeigten sich positive Ansätze auf den Gebieten Sharing-Economie und bzgl. der Postwachstumskriterien Konsistenz, Effizienz und Suffizienz, doch werden diese Erfolge durch den Konsum neuer Produkte kompensiert (Rebound-Effekt). In Anbetracht eines Bevölkerungsanteiles von > 60%, der sich von dieser Problematik nicht angesprochen bzw. überfordert fühlt, wird die notwendige Transformation auch zukünftig nicht gelingen. Dazu kommt die Trägheit (nicht nur) global agierender Unternehmen. Bei diesen Wirtschaftsakteuren stehen die ökonomischen Interessen nach wie vor im Zentrum des Handels. Betriebswirtschaftliche Theorien für eine transformationswirksame Unternehmenszielsetzung sind bisher nicht entwickelt. Die Diskutanten sehen u.a. folgende Ansätze für die erforderlichen Veränderungen, wenn das von der Weltbank nicht mehr für erreichbar gehaltene Ziel der „2-Grad-Erwärmung“ doch noch realisiert werden soll:
1. Anpassung der ordnungsrechtlichen Rahmenbedingungen.
2. Konkurrenzverhalten ersetzen durch Kooperationsverhalten.
3. Konflikte thematisieren, Benennung der Faktoren, Organisationen und Personen, die einer Transformation entgegenstehen.

Ein gutes Beispiel für den letzten Punkt lieferte eine mutige Zuhörerin, als sie in der Veranstaltung „Wie geht gute Arbeit in Unternehmen? – Auf der Suche nach der ‚Gute-Firma-Formel‘“ ihr Unverständnis für die Personalentwicklungsziele der Firma Tschibo zum Ausdruck brachte und dafür Applaus erntete. Die von der HR-Managerin des Unternehmens, Petra Meinking, dargestellte Ausrichtung des Personals zeigte eindeutig ökonomische Priorität. Die Firmendefinition „beste Produkte“ berücksichtigt offensichtlich keine ökologischen Nachhaltigkeitskriterien. Dies scheint auch ein Defizit der Gute-Fima-Formeln der anderen teilnehmenden Unternehmen Jimbo, Innovative Informatik GmbH, Phineo gAG und Google Germany GmbH zu sein. In diesen Firmen liegt der Fokus auf einem „feelgood“ der Mitarbeiter, der (empfundenen) Sinnhaftigkeit der Arbeit sowie auf innovativen Organisations- und Führungsformen. Er zielt damit stärker auf soziale Nachhaltigkeit des einzelnen Unternehmens als Verbesserung der internen Wettbewerbsvoraussetzung. Gesellschaftsverändernde Ambitionen konnten aus den Beiträgen dieses Veranstaltungs-blocks nicht abgeleitet werden.

Diesen Anspruch bzw. diese Forderung vermittelt der Block „Kurze Vollzeit für alle und der notwendige gesellschaftliche Wandel“ (Prof. Dr. Zimpelmann) und „Freiheit statt Vollbeschäftigung“ (Prof. Liebermann) bereits in den Titeln der Impulsreferate. Beide Referenten scheinen sich einig, dass das gegenwärtige Wirtschaftsmodell nicht nachhaltig ist. Es bedarf einer Veränderung des Wohlstandsbegriffes und infolgedessen auch einer neuen Definition von Arbeit.
Zimpelmann sieht das in Folge kontinuierlicher Produktivitätssteigerung reduzierte Arbeitsvolumen ungerecht verteilt. Nach Ihrer Darstellung steigt die durchschnittliche Arbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten auf 40+, bei Frauen auch der Zeitaufwand der Teilzeitbeschäftigten. Sie wies außerdem auf den hohen Anteil unbezahlter Arbeit hin, der 1,6-fach häufiger von Frauen als von Männern geleistet wird. (Erwerbsarbeit: Männer: Frauen =1,87). Insgesamt besteht bei den Vollbeschäftigten der Wunsch nach Arbeitszeitverringerung, während teilzeitbeschäftigte Frauen mehr Erwerbsarbeit leisten möchten. Nachhaltigkeit erfordert nach Zimpelmann u.a. Beschäftigungs-, Geschlechter- und Generationsgerechtigkeit, die sie durch eine 30-Stunden-Vollzeitschäftigung für Alle für realisierbar hält.
Liebermann plädiert dagegen für die Abschaffung des Zwanges bzw. des Vorrangs der Erwerbsarbeit. Mit der Einführung eines (seit Jahren diskutierten) lebenslangen, bedingungslosen Grundeinkommens für jeden Bürger soll die Teilnahme an Erwerbsarbeit nach individuellem Ermessen freiwillig erfolgen. Darauf aufbauend (vertrauend), dass sich sozial entwickelte Menschen in der Regel in ihre Gemeinschaft einbringen wollen, wird gemäß Liebermann auch zukünftig die erforderliche Güter- und Dienstleistungsbereitstellung gewährleistet. Der aufgehobene Zwang zur Erwerbsarbeit dürfte deren Struktur allerdings dahingehend beeinflussen, dass sie für den Arbeitnehmer attraktiv sein muss. Damit wird die Flexibilität der Unternehmen gefordert und deren o.a.Trägheit bzgl. Transformation in ein nachhaltiges Wirtschaftssystem überwunden. Daneben könnten der Erziehungsanteil der Eltern und ggf. der familiäre Pflegeaufwand freiwillig übernommen werden.
Die Diskussionszeit war besonders in diesem Veranstaltungsblock zu kurz, um die unterschiedlichen Ansätze der Referenten zu vertiefen. Es entstand zumindest bei mir der Eindruck, dass der Ansatz des bedingungslosen Grundeinkommens die Eigenverant-wortlichkeit des Individuums fördert. Das entspräche einer Weiterentwicklung des Sozialstaates, die durch eine Gleichverteilung von Arbeit auf dem ersten Blick nicht erkennbar ist. Aufgrund der Relevanz des Themas sollte die öffentliche Debatte deutlich verstärkt werden.
Interessant und teilweise sehr humorvoll vorgetragen waren die scheinbar unterschiedlichen Auffassungen der Keynotes von Prof. Pfaller (Philosoph) und Prof Vasek (u.a. Volkswirt, Journalist) über das Verhältnis von Arbeit und Freizeit. In der anschließenden Diskussion war man sich über ein ausgewogenes Verhältnis der beiden Kategorien einig. Über die Thesen „In der Wirtschaft wird Kreativität im Namen der Effizienz verhindert“ und „Ein schlechtes Leben soll man mehr fürchten als den Tod“ kann man länger nachdenken. Die von Umsetzungsgedanken befreiten Ausführungen der Referenten über gute Arbeit lassen mir im Konflikt „Bedingungsloses Grundeinkommen versus 30-Stunden-Woche“ ersteres als die innovativere Perspektive erscheinen.

Zusammenfassung/Einschätzung
Es war eine, aufgrund ihrer breit angelegten Themenreihe und weitgehend kompetenter Referenten eine sehr interessante, gelungene Veranstaltung. Gerne hätte man alle Themenblocks besucht. Die wichtigste, wenn auch enttäuschende Feststellung wurde im Themenblock „Die verpasste Transition“ getroffen. Trotz nunmehr jahrzehntelangen Wissens ist es nicht gelungen, die entscheidende Wende zur Erreichung des 2-Grad-Zieles zur Minimierung der Klimaveränderung zu schaffen. Ein Hindernis auf diesem Weg besteht in der Trägheit der Unternehmen. Hier sollte die Politik stärker in die Pflicht genommen werden. Ob die vielschichtigen Bemühungen um „gute Arbeit“ die Voraussetzung für die erforderliche Entwicklung zur Nachhaltigkeit der Wirtschaft bilden, bleibt eine Hoffnung. Moderne Begriffsblasen zeugen nicht zwangsläufig von innovativen Gedanken und Methoden. Unklar bleibt, ob Kreativität im Sinne der Veranstaltung der Kreativität entspricht, die erforderlich ist, um Nachhaltigkeit tatsächlich zu realisieren. Gesamturteil: Weitermachen – Dank an die Veranstalter und Referenten.

Vo/16.03.2014