Nationale Nachhaltigkeitsstrategie - Gedankenaustausch


ZY (Initialen geändert) habe ich Anfang des Jahres auf der ZEIT-Konferenz Agrar und Ernährung kennengelernt. Bei weitgehender Übereinstimmung in der Gegewartsanalyse lassen sich unsere Zukunftsperspektiven und die Bewertung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie scheinbar nicht miteinander vereinigen?!



ZY(21.07.):  
Ich kann aus dem Link etliche Male den Begriff Nachhaltigkeit entnehmen und erkenne dennoch nicht, warum die Nutzung der Abwärme von der Herstellung von Flacons als Nachhaltig bezeichnet werden darf? Muss man denn Flacons haben? Oder ist Nachhaltigkeit lediglich auf die Herstellung und Nutzung einer Sache, nie auf den Sinn bezogen?

Vollmer (23.07.):
Das ist eine gute Frage, die mich auch immer wieder beschäftigt und mich öfter mal in Verbotslaune bringt. Doch wer sollte in einer Demokratie mit einer sozialen Marktwirtschaft festlegen, was sinnvoll ist und was nicht? Ich denke die NNS ist eine positive Darstellung des Ergebnisses einer globalen Diskussion aus deutscher Sicht (basierend auf der Agenda 2000 der UN). Sie versucht eine Balance zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Interessen unter Berücksichtigung globaler Verflechtungen aller Faktoren. (Früher hätte ich gesagt „dabei kann nur Sch…e rauskommen“). Nach intensiverer Beschäftigung in den letzten Monaten sehe ich die Sache etwas anders.
·         Alle Nationen haben die durch menschliches Verhalten ausgelöste Bedrohung der Lebensgrundlagen erkannt.
·         Aufgrund eines Wohlstandsgefälles haben die Nationen unterschiedliche Dringlichkeiten der Bedrohung entgegen zu wirken. Das führt zu Verzögerungen, die am Ende zu unkalkulierbaren Ereignissen führen können(werden). Bei aller Skepsis: es gibt weltweit Gespräch/Verhandlungen, deren dauerhafte Erfolglosigkeit nicht zwingend sein muss.
·         Ein hochentwickeltes, auf Kapitalinteressen basiertes Wirtschafts- und Wohlstandssystem ist nicht von heute auf morgen zu verändern. Deshalb bezieht sich die globale Planungsperspektive über einen Zeitraum bis 2050 und geht dabei von „vertretbaren, irreversiblen Veränderungen“ unserer Lebensgrundlagen aus. (Diese Zeitspanne verleitet m.E. zu einer gefährlichen Handlungsträgheit).
·         Im Gegensatz zum Wissen des Menschen (so kann es nicht weitergehen) reicht sein Verantwortungsbewusstsein Zurzeit scheinbar noch nicht aus, um wirkungsvolle Transformationsbewegungen in Gang zu setzen. (In diesem Zusammenhang muss sich besonders das „Kapital“ kritisieren lassen.)
Bei der Aufzählung handelt es sich lediglich um eine Grobdarstellung wichtiger Zusammenhänge von Situation und Perspektive. Vor diesem Hintergrund halte ich meine o.a. Bewertung der NNS für angemessen. Ihre absolut wichtige Frage führt m.E. zu einer Überprüfung unseres Demokratieverständnisses. Das scheint zunächst weit hergeholt zu sein. Betrachten wir die Sinnfrage einmal aus der Vergangenheit, als es noch kaum Autos gab. Das Auto steht hier symbolisch für alles was es seinerzeit noch nicht gab. Besitzer eines Autos in den 50er Jahren zu sein, war der Hit. Sonntags „gute Butter“ zum Frühstück und Bohnenkaffee, ein eigenes Fahrrad mit Torpedo Dreigangschaltung, das in Nachbarschaftshilfe erbaute eigene kleine Häuschen, Zentralheizung mit Koks, Badezimmer mit Warmwasserbereitung mit Holz und Briketts, Wanne und Dusche……Das waren Schritte eines nie angezweifelten Wohlstandes. Auch die Sinnhaftigkeit des ersten Autos wurde nicht in Zweifel gezogen, obwohl es selten zum Bedarf des täglichen Lebens zählte, woran der Begriff des Sonntagsfahrers erinnert. – Wirtschaftswunder nannte man die Entwicklung in Deutschland – von der Welt bestaunt. Wir wählten alle 4 Jahre unsere Regierung und waren zufrieden (zu meckern gab’s immer etwas). Es wurde immer besser -  Lohn-/Gehaltssteigerungen von über 10%, Samstag frei, Verkürzung er Wochenarbeitszeit auf 45,42,40, 38 Stunden, bezahlter Urlaub, Lohnfortzahlung. Irgendwann dazwischen entwickelt sich Erdöl zum wichtigsten Energieträger. Grundbedarfssicherung wurde abgelöst durch Lebens- und Arbeitserleichterung, irgendwann wurden daraus Ansprüche. Politik versprach Alles, auch nicht Bezahlbares, Wirtschaft verstand Wissenschaft im Sinne „Alles ist machbar“. Der Hinweis des Club of Rome 1972 auf die Grenzen des Wachstums, scheint im Nachhinein überhört worden zu sein. Es folgten sogenannte Krisen, Skandale Prominenter, Vorteilsnahmen… kurz: das Vertrauen in die sogenannten Eliten schwand. Man könnte das alles detaillierter Ausführen.  -  Wir wissen, wo wir heute stehen. Anspruchs- und Selbstverwirklichungsdenken weiter Teile der Bevölkerung unterstützt bzw. begleitet durch die Scheinweltszenarien  einer  vom Kapital gesteuerten Werbung,  politisch nicht zähmbares Finanzgebaren mit kriminellen Auswüchsen, Machtdominanz globaler Wirtschaftskonzerne, deren Gemeinwohlorientierung sich dem Betrachter nicht aufdrängt, gesetzgebende Politiker, die in Folge der wachsenden Komplexität immer weniger in der Lage sind, Sachverhalte auf Basis eigener Kenntnisse zu entscheiden und deshalb immer arbeitsteiliger re)agieren. Dadurch steigt der Einfluss der den Eigeninteressen „verpflichteten“ Lobbygruppierungen.  - Und der Bürger?  - Mitten drin! Wähler,  Konsument, Produzent, Verursacher, Umweltsünder, Umweltschützer, Mitverantwortlicher, Nutznießer , Genießer, Verführter, Missbrauchter, Unwissenender und ? Irgendwie auch Mitverfasser der NNS, der über seine Bundeskanzlerin ausrufen lässt:  Nachhaltigkeit geht jeden etwas an. Das ist nicht zu bestreiten. Doch erfüllt jeder die damit verbundenen Anforderungen? Dazu liest man in „Demokratiekompetenz der Bürger“(Bundeszentrale für politische Bildung, bpb): „Die empirischen Befunde zeigen hinreichend deutlich, dass das Bürgerengagement nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ zu wünschen übrig lässt. ….Geht man von diesen Gegebenheiten aus, dann müsste es schon ein Gewinn für die Demokratie sein, wenn viele Bürger über die Tugend der Interventionsfähigkeit verfügten…….Dies impliziert die Fähigkeit, beurteilen zu können, wann die Einmischung nötig wird und wie sie wirksam werden kann. Die Tugend der Interventionsfähigkeit ermöglicht die Identifikation mit dem Gemeinwesen allein durch das Bewusstsein, nach eigener Entscheidung in das politische Leben eingreifen zu können…….Interventionsfähige Bürger setzen sich aus aktiven Realisten und nonkonformen Idealisten zusammen. Diese Gruppe zeigt zwar kein dauerhaftes politisches Engagement, ist aber fähig und bereit, je nach Situation aktiv in die Politik einzugreifen“.
Zurück zu Ihrer Frage der Sinnhaftigkeit. Mit dieser Fragestellung an einen Menschen den Sie kaum kennen, mit Ihrer Aktivität im Forum, mit Ihrer Bereitschaft zu gemeinsamen Exkursionen, mit der Bereitschaft hier in diesen Dialog einzutreten, zeigen Sie genau die angesprochene , gemeinwohlorientierte Interventionsfähigkeit. Das erzeugt positive Wirkungen (z.B. auf mich) die Sie nicht unterschätzen sollten. Das sind Innovationen eines konservativen Demokratieverständnisses, die durchaus weiterentwickelt werden können/sollten. (Ich verzichte jetzt auf den Ratschlag, eine regelmäßige Kommunikation mit den MdB Ihres Wahlkreises zu führen.)

ZY:
Weitere nicht nachhaltige Dinge, deren Nachhaltigkeit sich mir nur erschließt, wenn ich deren Sinn nie in Frage stelle:
Warum muss man Brot nochmals toasten? Wozu gibt es Kaffee? Warum essen wir Schokolade? Benötigt man einen Staubsauger? Wozu muss man einen Wäschetrockner haben? ...usw.
Die Sinnhaftigkeit einer Sache wird in der NNS nicht in Frage gestellt, nur deren soziale, umweltgerechte und energiegerechte Herstellung und Verwendung. Ich denke, das ist auch der Grund, warum im LT so harsche Kritiken kommen. Wenn man wirklich eine Nachhaltigkeit im Sinne des Begriffes haben will, dann muss man das Toastbrot und die Kreuzfahrt schlichtweg verbieten....DAS wird niemals geschehen, deshalb gibt es Alibi - gebiete...

Vollmer (24.07):
Meine fast lebenslange Beschäftigung mit dem Thema „was ist der Mensch, wer bin ich“, -  meine beruflichen Erfahrungen als ausgebildeter Kerntechniker (aus Zweifeln an der nachhaltigen Entsorgung von Atommüll den Beruf nie ausgeübt) und praktizierender Altlastensanierer  (mit berufsbegleitenden Studien: Wasserchemie, Mikrobiologie, Genetik, Bodenkunde, Betriebswirtschaft ) und jahrelangen Teilnahmen an Vorlesungen unterschiedlichster Fachrichtungen als Gasthörer an der UNI HH  komme ich zu dem Ergebnis, dass der Energieverbrauch des Menschen, der seine eigene energetische Leistungsfähigkeit um ein Vielfaches übertrifft, das materielle Kernproblem der Gegenwart darstellt.  Deshalb plädieren ich für eine Diskussion über eine kontinuierliche Steigerung der Energiepreise unter Berücksichtigung von sozialen Härtefällen und Überflusssituationen. Gleichzeitig sollte über den „monetären Preis von Umwelt/Natur“ nachgedacht werden. Das sind Aspekte, die die heutige Marktwirtschaft falsch oder gar nicht in ihren Modellen berücksichtigt. Bei entsprechender Einbeziehung dieser Faktoren, würden „unsinnige“ Produkte und Dienstleistungen unwirtschaftlich und deshalb entfallen, ohne dass die Sinnfrage beantwortet werden müsste. Das Szenario des an dieser Stelle häufig eingebrachten Totschlagarguments „zurück in die Steinzeit“ verkennt die Chancen des qualitativen Wohlstandszuwachses auf der Basis „weniger ist mehr“.
Die Festlegung und Steuerung der Preise (Energie/Umwelt/Natur) könnte in Korrelation zu Umweltindikatoren vorgenommen werden (z.B. ökol. Fußabdruck, Biokapazität… das ist wissenschaftlich zu begleiten). Ich glaube, dass ginge, wenn man es politisch wollte. Ein Hindernis dürfte das scheinbar intrinsische Interesse des Kapitals nach Vermehrung darstellen. Zu diesem Punkt ist die öffentliche Debatte über die gemeinwohlorientierte Verantwortung des Kapitals zu intensivieren. Das regelmäßig eingesetzte Arbeitplatz-Sicherungs-Argument erfüllt häufig lediglich eine Alibifunktion.
Die Lösung oben angesprochener materieller Kernprobleme sollte durch eine Wertediskussion begleitet werden, die sich um die Missverständnisse (christlich geprägter Kulturen?) bewegen. Sie erschöpfen sich nicht mit den Begriffen „Macht Euch die Erde untertan“ und „Freiheit“. Aufgrund der Missverständnisse bestimmt der Mensch mit seinem Raubbau an Ressourcen das physikalische Gesicht der Erdoberfläche. Geologen bezeichnen die gegenwärtige Epoche deshalb als Anthropozän.
Lieber Herr ZY, ich hoffe Sie bewerten das alles nicht nur als Alibi-Thema. Sie haben sich in einer vorigen Mail als Realist bezeichnet. Bzgl. der Gegenwarts-Analyse stimme ich Ihnen aufgrund der bisher ausgetauschten Gedanken zu. Ihre Selbsteinschätzung als Pessimist bezieht sich auf die Einschätzung der zukünftigen Entwicklung. Da sollten wir unser Potential als interventionsfähige Bürger zusammenführen.

ZY(24.07.):
 Vielen Dank für die umfangreiche Auseinandersetzung mit meinen Fragen und die Darstellung ihrer Sichtweise in Bezug auf die NNS.
Ich bleibe Pessimist in Bezug auf die Wandlung des Menschen hin zu einem Vernunftbegabten Wesen. Ein Bruchteil einer elitären und wohlhabenden Bevölkerung macht sich Sorgen um Was? Im Vordergrund aller politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen und Wertigkeiten steht der Friede im eigenen Land. Dieser Friede wird bei uns begründet durch unsere Verfassung "und" durch die materielle Sicherheit und Freiheit des Einzelnen. Jede Diskussion um Beschränkung welcher Art auch immer wird aufgrund unterschiedlicher Kapitalausstattung zu Ungleichheiten führen, die diesen Frieden in Gefahr bringt. Deshalb ist jede (!) Regierung dieses Landes darauf bedacht, den Wohlstand mindestens zu halten oder zu steigern. Das wird sich nicht ändern, so lange das "System" so funktioniert, wie es funktioniert. Sollte es irgendwann einmal in der Geschichte der Menschheit eine Änderung der Sichtweise in Bezug auf das Kapital, die Wirtschaftsformen oder der Demokratie geben, dann könnte evtl. eine irgendwie geartete Form von Gesellschaft mit einer irgendwie gearteten Form von Zahlungsmittel und Eigentum eine irgendwie geartete Form von besserer Welt entstehen lassen...weil das für mich so unglaublich ist, und weil ich die Menschen, die derzeit die Welt bestimmen, sehe, deshalb habe ich keine Hoffnung, dass sich irgendetwas irgendwie ändern wird. Außerdem erkenne ich in der NNS ausschließlich eine ökonomisch orientierte Richtung, die dem Bundesbürger ein Höchstmaß an Gewissensberuhigung und ein Mindestmaß an Wohlstand suggeriert...
Schlicht gesprochen: Der "Durchschnitts - Deutsche" hat kein Interesse an eigener Einschränkung und eigenem Verzicht. Außerdem ist er nicht an einer Änderung seiner Verhältnisse interessiert, es sei denn, sie verändern sich materiell zum Positiven.
Wenn ich mir die Krisenherde der Erde ansehe, dann ist im Moment sowieso eher eine Feuerwehr nötig als ein Brandschutzkonzept.
Ich denke, es ist wie mit einem Drogenabhängigen: Er muss kurz vor dem Kollaps stehen, um seine Sichtweise und sein Handeln zu ändern!
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Hinweis: Wird von Zeit zu Zeit fortgesetzt.