Erziehen wir unsere Kinder zu Egoisten?

Me, mself and I
Die Entwicklungspsychologin Heidi Keller ist der Ansicht, dass bildungspolitische Maßnahmen zum Qualitätsausbau der Kitas dazu geführt haben, dass unsere Kleinkinder zu Ichlingen erzogen werden.
hier zum Artikel

Das passt zum Thema:
Bildung lohnt sich
Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Multiresistenzen - ZEIT-Polemik zu einseitig



Die ZEIT polemisiert in der Ausgabe 48/2014 mit dem Titel „Rache aus dem Stall“ die zunehmenden Resistenzen von Erregern (MRE), die auf den Einsatz von Antibiotika (AB) zurückgeführt werden. Sie fokussiert dabei einseitig auf die Massentierhaltung. Dem komplexen Problem der Multiresistenzen werden die Autoren damit nicht gerecht. Polemik im Sinne von „Aufrütteln“ ist vielleicht gelegentlich Methode von Qualitätsjournalismus. Die Verunglimpfung eines weitgehend rechtskonform handelnden Berufsstandes schießt über das Ziel hinaus.
Der Versuch des Verbrauchers, sich einen Überblick zum Thema MRE eine eigene Meinung zu bilden, scheitert in der Regel an der Komplexität des Themas. Von daher wäre Aufklärung durch Qualitätsjournalismus dringend erforderlich.
AB werden seit Langem in verschiedenen Bereichen der Human- und Veterinärmedizin eingesetzt. Aus der eigenen Erfahrung kennt man die „schnelle Verordnung“ durch Ärzte auch bei „harmlosen“ Erkrankungen. Diese Praxis wird nicht selten durch Ungeduld der Patienten selbst befördert. D.h., dass alle gesellschaftlichen Gruppen an dem Problem der MRE beteiligt sind.
Parallel zu der ZEIT-Printausgabe werden in ZEIT Online Daten zur Diagnosehäufigkeit in den Städten und Kreisen der Bundesrepublik veröffentlicht (open data). Danach ist von einer flächendeckenden, regional unterschiedlichen Zunahme der MRE auszugehen. Das gibt dem Thema die Relevanz. Da ist jedoch nicht nur die Landwirtschaft gefordert.
Wichtig wäre eine Eignungsprüfung der aktuellen rechtlichen Rahmenbedingung inkl. Erfassungsmethoden um Missbrauch zu vermeiden. Außerdem sollten Forschungsbedarf und –Ergebnisse sowie Ziele kommuniziert werden. Politik ist gefragt. Der Markt, dazu gehören auch die Medien, wird das Problem nicht im Sinne von Gemeinwohlinteresse lösen können. Das zeigen die Reaktionen auf die ZEIT-Polemik. Noch haben die Redakteure in den drei angekündigten Themenfortsetzungen die Chance, eine Qualitätskorrektur Ihres „Aufklärungsstiles“ vorzunehmen. 
Vo 23.11.2014

Weisheit geht anders - Der Rat für Wirtschaft äußert sich über Wachstum



Mit dem reißerischen Titel „Wachstum geht anders – Die Koalition beschenkt Mütter und Rentner, statt die Bedingungen für Investitionen zu verbessern“ (Zeit 47/2014 Zusammenfassung s.u.) stellen vier Mitglieder des Sachverständigenrats für Wirtschaft Ihre Seriosität in Frage! Nicht nur das. Wer heute, vor dem Hintergrund einer konsumbedingten Übernutzung der Erde über Wirtschaftswachstum spricht, ohne diesen Zusammenhang zu erwähnen, der muss sich auch bzgl. seiner gesellschaftlichen Verantwortung(sfähigkeit) hinterfragen lassen. Wer darüber hinaus auch noch an der gegenwärtigen Koalitionspolitik die Überbetonung der Umverteilung kritisiert, der hat die Theorie des ökologisch-ökonomisch-sozialen Gleichgewichtes missverstanden. Wäre es nicht angebracht, anlässlich der geringen Investitionsbereitschaft, über eine Sättigung der westlichen Märkte zu referieren und sich mit der Entwicklung einer darauf ausgerichteten innovativen Volkswirtschaftstheorie zu beschäftigen? Dabei könnte die Illusion von der Entkoppelung des Wachstums vom Ressourcenverbrauch durch die Notwendigkeit der Entkoppelung von Wohlstand und Ressourcenverbrauch ersetzt werden. Allerdings scheint dies nicht im Interesse des Kapitals zu liegen – oder wie ist die Forderung nach Deregulierung zu verstehen?
Empfehlung: Kommunikation zwischen Rat für Wirtschaft und Rat für nachhaltige Entwicklung. Letzterer weist die Bundesregierung auf dringenden Handlungsbedarf hin.

Zusammenfassung des ZEIT-Artikels:
Die „4 Wirtschaftsweisen“ (Anm: ohne Prof. Bofinger-Kritiker der Agenda 2010), bezeichnen Investitionen als wünschenswert. Dazu braucht es erstens Rahmenbedingungen, die das Investieren für Private noch günstiger macht und zweitens Verbesserungen der Infrastruktur, die sich aufgrund der aktuellen Einnahmesituation des Staates anbieten. Dieser sonne sich in der Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise und belaste die deutsche Wirtschaft mit kleinen Korrekturen an den Reformen der Agenda 2010, z.B. Mindestlohn und Rentenpolitik. Darüber hinaus begünstige die Energiewende einige wenige zu Lasten der Unternehmen und der privaten Haushalte. Die Autoren bekräftigen ihre langjährigen Ermahnungen an die Adresse des Staates, sich auf die anstehenden Herausforderungen, in Form des demografischen Wandels und der fortschreitenden Globalisierung, vorzubereiten. Die Autoren kritisieren außerdem die übermäßige Betonung der Umverteilung durch die politischen Maßnahmen der Koalition. Aus weiteren Formulierung lässt sich ableiten, das die „4 Wirtschaftsweisen" öffentliche Investitionen auf das notwendigste beschränkt wissen wollen. Die öffentlichen Haushaltsmittel reichten aus, um in unserer reifen Volkswirtschaft Ersatzinvestitionen und infrastrukturelle Ergänzungen zu realisieren. Um private Investitionen zu erleichtern, werden Deregulierungen des Arbeitsmarktes, des Wohnungsmarktes und bei der Energiepolitik gefordert.

Bildung lohnt sich



Mit dem Titel „Wenn Bildung sich nicht mehr lohnt“ fordert Uwe Jean Heuser in der ZEIT (47/2014) zu einer Diskussion auf. Ausgangspunkt des Artikels ist ein Trend, dem zur Folge eine wachsende Zahl akademisch gebildeter Menschen keinen adäquaten Arbeitsplatz mehr findet. Zwei Gründe seien dafür verantwortlich. Erstens, die seit Jahren zunehmende Zahl von Hochschulabsolventen und zweitens, die zunehmende Digitalisierung von Produktions- und Dienstleistungsprozessen. Das ist nicht grundsätzlich neu, betrifft aber zunehmend auch mentale Leistungen, die bisher noch eine Domäne des Menschen waren. Der Trend dokumentiert das Ringen von Computer gegen menschliche Arbeit, zugespitzt formuliert: Arbeit gegen Kapital.

Die Verknüpfung dieser Entwicklung mit der Frage, ob sich Bildung noch lohnt, reduziert Bildung auf eine Funktion in dem System der arbeitnehmerbezogenen Erwerbsarbeit. Wird hier nicht ein Fehler wiederholt, der in der Bildungsdebatte regelmäßig auftritt. Ist es vor dem Hintergrund „Arbeit gegen Kapital“ nicht besonders wichtig, über Bildungsinhalte nachzudenken, die an Stelle ökonomischer vielmehr humanistische Aspekte in den Mittelpunkt stellen? Zeigen sich nicht gerade an der Verdrängung der menschlichen Arbeit durch Kapital die Defizite langjähriger, einseitiger Bildungspraktiken. Ja, wir brauchen eine humanistische Bildung, die individuelle Fähigkeiten und Kreativität fördert. Wir brauchen sie nicht nur, um der fortschreitenden Ökonomisierung der Gesellschaft etwas entgegen zu setzen, wir brauchen sie insbesondere auch, um den globalen Herausforderungen (Frieden, Klimawandel, Umweltzerstörung …) erfolgreich begegnen zu können, ohne  uns allzu sehr auf zukünftige, nicht garantierte, technologische Innovationen verlassen zu müssen.
Albert Einstein soll sinngemäß gesagt haben, dass Denken, das uns an einen bestimmten Punkt gebracht hat, nicht geeignet ist, uns von diesem Punkt wegzuführen. – Ja, Bildung lohnt sich nicht nur - sie ist überlebenswichtig!
14.11.2014

Vereinbarkeit von Familie und Beruf - Sachstand



Welchen Wohlstand wollen wir? Diese Frage stellt sich nicht nur im Zusammenhang mir den ökologischen Auswirkungen. Auch die Entwicklung unserer Kinder wird entscheidend von Wohlstandsaspekten geprägt. Die Aufrechterhaltung unseres Wohlstandniveaus fordert offensichtlich sowohl aus Wachstumsgründen als auch aus Gründen der persönlichen Lebenssicherung eine weitgehende, erwerbsbezogene Vollbeschäftigung. Daraus entstand die Forderung nach der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Kitaplätze wurden in hohem Tempo eingerichtet. Es entstanden neue Arbeitsplätze für Erzieherinnen.
Im Hamburg-Teil der Zeit (46/2014) beklagen nun Erzieherinnen ihre Arbeitsbelastungen. Zitat: „Der Job ist hart, am Ende hat man eine winzige Rente. Da kann ich mich auch bei ….an die Kasse setzen, verdiene ungefähr genauso viel und habe nicht die psychische Belastung….. Es macht die Erzieher kaputt.“
Laut SPIEGEL-ONLINE SCHULSPIEGEL werden 6% der Kitas als gut bis sehr gut, 80% als mittelmäßig und 7% als unzureichend bewertet. Eine Erzieherin mahnt in Zeit-Hamburg, Zitat: „Hallo? Wir erziehen Deutschlands Zukunft hier. Diese Kinder werden morgen unsere Zukunft gestalten.“ Schaut man sich in Foren um, trifft man nicht selten ebenfalls auf multipessimistische Äußerungen ihrer Berufskollegen.
Wie sieht es dagegen mit dem angestrebten Ziel aus? Am 02.10.2014 liest man dazu in ZEIT ONLINE einen Beitrag mit dem Titel: „Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind.“
Die Autorinnen bekennen, nachdem sie geglaubt hatten, alles sei eine Frage der Organisation, Zitat „Der Alltag moderner Familien ist oft genug ein Kraftakt…. Wer macht was, wie, wann? Beim Frühstück erfahren dann die Kinder, wie die Woche läuft…“ und fragen heute: Zitat:„Wie geht es eigentlich unseren Kindern dabei? Sind sie damit einverstanden, immer funktionieren zu müssen?“ Und stellen fest, Zitat: „Wir geben ihnen häufig einen Takt vor, der eigentlich unserer ist, und vergessen dabei, was sie wirklich brauchen: Zeit, Muße und eine sichere Bindung, um das Leben in seiner ganzen Vielfalt kennen und begreifen zu lernen.“ Die Lösung sehen die Autorinnen in einem System, „in dem sich Phasen der Erwerbsarbeit mit Phasen der Familienarbeit abwechseln können“. – Eine Forderung!
Ist es stattdessen nicht längst überfällig, über unsere Ansprüche nachzudenken? Unser materieller Überfluss-Wohlstand ist das Ergebnis unserer Ansprüche, der dafür zu zahlende Preis drückt sich nicht nur in ökologischen Veränderungen aus. Der Anspruch auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf, so verständlich er aus der Situation junger Familien erscheinen mag, steht neben Sachzwängen auch in Verbindung mit individueller Selbstverwirklichung, die ohne Gemeinwohlorientierung nicht zu sozialverträglichen Ergebnissen führt. Organisationsgenervte Eltern, sozial unterversorgte Kinder und „kaputte Erzieher“ weisen auf Defizite hin: Ansprüche und Potentiale stehen vermutlich nicht im Gleichgewicht.

Stahlindustrie im Gleichgewicht von Ökologie, Soziologie und Ökonomie?



Der Vorstandsvorsitzende des Stahlkonzerns voestalpine, Wolfgang Eder, geht mit einem neuen Werk in die USA. Dort findet der Konzern bessere ökonomische und ökologische Rahmenbedingungen. Eder weist in einem Interview in der Zeit 45/2014 darauf hin, dass die Energie-Effizienz der deutschen Stahlhersteller sich gegenüber um 1990 um 21% verbessert hat. Nach maximal 3% Steigerung über die nächsten 10 Jahre sei das Ende der Effizienz-Steigerung aus technologischen Gründen erreicht. Aufgrund der europäischen Umwelt- und Sozialstandards wäre sein Unternehmen auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig.

Ein Blick in das Themenpapier von stahl-online.de mit dem Titel „Energiewirtschaft“ bestätigt die Feststellung und unterstreicht die Umweltbemühungen der Branche. Zwei Faktoren sollten allerdings ergänzt werden. Erstens: Die absoluten CO2-Emissionen der Stahlindustrie haben sich seit Anfang der 1990er Jahre nachfragebedingt nicht nennenswert verringert, d.h. ein klimaschonender Effekt kann nicht verbucht werden. Zweitens: Die innovationsbedingten Effizienzsteigerungen bzgl. Energieverbrauch und CO2-Emissionen wurden zu einen großen Teil bereits in 1990er Jahren erreicht und stehen im Zusammenhang mit Betriebsstilllegungen in den neuen Bundesländern. Seit ca. 2005 verharren Energieverbrauch und CO2-Emissionen pro Tonne Stahl auf gleichem Niveau. Dem zur Folge erscheinen die von Eder prognostizierten 3% Effizienzsteigerung eher optimistisch.

Quelle: stahl-online.de


Die Ergebnisse der Stahlindustrie korrelieren im Übrigen mit den Indikatoren Energie- und Rohstoffproduktivität der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, die jährlich vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht werden. Darin zeigt sich die Problematik der ökologischen Nachhaltigkeitsdiskussion: Verbesserungen durch technische Innovationen werden durch erhöhte globale Nachfrage kompensiert oder gar überkompensiert (Rebound). Die Hoffnungen auf ein sich in den nächsten Jahrzehnten einstellendes Gleichgewicht zwischen ökologischem Fußabdruck und Biokapazität basiert auf technischen Innovationen und einem weitgehenden Ersatz fossiler Energieträger. Beides sind Hoffnungen – kein gesichertes Wissen. Reicht das vor dem Hintergrund dessen, was auf dem Spiel steht?

Der voestalpine-Chef weicht dieser Frage aus, investiert in den USA, ein Land mit einem sechsfach höheren ökologischen Defizit als Europa und weist auf die Industrie als „wichtigsten Pfeiler unseres Wohlstandes“ hin. Er ist der Ansicht, dass „wenn die Gesellschaft dafür nichts tun will, wenn ihr der Wohlstand als vielleicht selbstverständlich erscheint, dann- und das sollte man ihr klar sagen – werden wir uns diesen Wohlstand nicht mehr auf Dauer leisten können. Dann wird auch die Gefahr sozialer Spannungen massiv steigen“. Eder hat gleich in dreifacher Hinsicht recht: 1.Diesen Wohlstand - besser hätte er formulieren sollen „diesen sowohl von Überfluss als auch von Ungerechtigkeiten gekennzeichneten Wohlstand“ können wir uns nicht leisten. 2. Man muss es den Menschen klarer machen, als das bisher geschieht. 3. Es gibt das Risiko steigender sozialer Spannungen, die umso massiver werden, je weniger man die Menschen darüber aufklärt.

Wäre es nicht nachhaltiger gewesen, in Europa zu bleiben und hier den Punkt 2 unter dem Gesichtspunkt des Begriffes Suffizienz zu diskutieren?
06.11.2014