Indikatorenbericht 2014



Die Bundesregierung verfehlt die selbstgesteckten Ziele der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie
Im Juni 2014 veröffentlichte das statistische Bundesamt (DESTATIS) den Indikatorenbericht zur nachhaltigen Entwicklung in Deutschland. Der Bericht dokumentiert anhand von 38 Indikatoren die Ergebnisse der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung.

Der Indikatorenbericht unterscheidet die Leitlinien Generationengerechtigkeit, Lebensqualität, Sozialer Zusammenhalt und Internationale Verantwortung.
Den diesen Leitlinien zugehörigen Indikatoren sind quantitative Ziele zugeordnet, deren Erreichungsgrad jährlich von DESTATIS in einem oben genannten Indikatorenbericht in Form von Grafiken und zusammenfassendem Text in 4 Gruppen dargestellt wird. Die Ergebnisse 2014 lauten:

Gruppe 1 – Ziel wird erreicht –                                                      16 Indikatoren
Gruppe 2 – Ziel wird um bis zu 20% verfehlt –                                6 Indikatoren
Gruppe 3 – Ziel wird um mehr als 20% verfehlt –                          10 Indikatoren
Gruppe 4 – Ziel wird nicht erreicht, Zustand verschlechtert sich –   6 Indikatoren

Die Brisanz der Ergebnisse besteht dabei in der Tatsache, dass sie nicht nur gegenwärtig, sondern auch zum jeweils planten Zeitpunkt von ca. 58% der Indikatoren verfehlt werden.

Im Juli 2014 hält die Bundeskanzlerin eine Rede vor Studenten der renommierten Tsinghua-Universität in Peking eine insgesamt bemerkenswerte Rede mit einem auf Nachhaltigkeit bezogenem Themenschwerpunkt. Sie sagt u.a. - Zitat:

„Wir haben etwas geschafft, das man vor wenigen Jahrzehnten noch für unmöglich hielt: Wir haben das Wirtschaftswachstum vom Energieverbrauch entkoppelt; das heißt, unser Energieverbrauch wächst langsamer als die Wirtschaft.“

Das ist nur, wenn überhaupt, die halbe Wahrheit. Die Bundeskanzlerin bezieht sich vermutlich auf den Indikator „Energieproduktivität“ der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, errechnet aus Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Primärenergieeinsatz im Inland. Dieser Indikator hat sich vom Index 100 (in 1990) auf Index 145 (in 2013) verbessert. Über die ökologische Auswirkung sagt diese spezifische Größe allerdings nichts aus. Entscheidend dafür ist vielmehr der ökologiewirksame absolute Primärenergieeinsatz, der sich von100 (in 1990) auf 93 (in 2013) reduziert hat. Seit 2009 zeigt der Indikator wieder einen ansteigenden Trend, in der Folge sinkt die Energieproduktivität seit 2013 während das Wirtschafts-wachstum (BIP) kontinuierlich leicht gestiegen ist. Die Zielvorgaben werden laut DESTATIS nicht erreicht, wie die folgende Grafik zeigt:

Quelle: Statistisches Bundesamt

Von einer Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch kann da nicht die Rede sein. Die Behauptung der Bundeskanzlerin kann auf Grundlage dieser ökologisch wirksamen Indikatoren nicht bestätigt werden.
Gleiches gilt auch für den Indikator Rohstoffproduktivität, der im Bericht unter der Leitlinie Generationsgerechtigkeit in der Rubrik Ressourcenschonung geführt wird. Die Ergebnisdokumentation beginnt 1994 mit den Index 100, der 2013 mit ca. 150 eine beachtliche Effizienzsteigerung ausweist. Das für 2020 vorgegebene Ziel von 200 wird allerdings ohne zusätzliche Maßnahmen nicht realisiert werden können. Wie im Fall der o.a. Energieproduktivität gibt auch die Rohstoffproduktivität zwar einen zusammenfassenden Hinweis auf die technische Innovationkraft der Wirtschaft, nicht jedoch auf die Nachhaltigkeit im Sinne der Generationsgerechtigkeit. Darüber gibt die Entwicklung der absoluten Rohstoffentnahme, ausgedrückt in T(onnen), Auskunft. Bei einem Index von 100 in 1994 reduziert sich die inländische Rohstoffentnahme incl. Importe zwar positiv auf Index 86. Unter Berücksichtigung der durch die importierten Güter im Ausland entnommenen Rohstoffe ergibt sich jedoch lediglich ein aktueller Index von 96. D.h. erstens, dass die Rohstoffentnahme der Bundesrepublik nach 20 Jahren nicht nennenswert verringert werden konnte und zweitens, dass die Bundesrepublik die Ressourcenproblematik teilweise in seine Exportländer verlagert.

Quelle: Statistisches Bundesamt
Entgegen den Beteuerungen verantwortlicher Politiker verheißt auch der Indikator Treibhausgasemissionen aus dem Leitlinienbereich Generationsgerechtigkeit wenig Erfreuliches. Zwar entwickelte sich der Index seit dem Basisjahr 1990 kontinuierlich von Index 100 unter das für 2008/1012 vorgegebene Ziel Index 79, steigt jedoch seit 2009 von Index 74 wieder leicht auf den Wert 76 an. Die bis 1995 deutliche Reduzierung der Treibhausgasemissionen wird zum Teil auf Betriebsstilllegungen in den neuen Bundesländern zurückgeführt. Die für 2020 und 2050 von der Bundesregierung angestrebten Ziele (Index 60 bzw. Index 20) können ebenfalls nicht ohne zusätzliche Maßnahmen verwirklicht werden.

Quelle: Statistisches Bundesamt
Während der Indikatorenbericht in seiner zusammenfassenden Übersicht Energie-produktivität und Rohstoffproduktivität in die mit einer grauen Wolke symbolisierten Gruppe 3 zuordnet (d.h. Ziel wird um mehr als 20% verfehlt.) leuchtet für die Treibhausgasemissionen das Symbol einer gelben Sonne (d.h. Gruppe 1, Ziel erreicht) auf. Hier werden sowohl der seit 2008 steigende Trend als auch die prognostizierten, weiter reichenden Zielverfehlungen ignoriert. Deshalb wäre bestenfalls die graue Wolke zu rechtfertigen.
Die an den Beispielen dieser drei Indikatoren aufgezeigte Fehlentwicklung der ökologischen Nachhaltigkeit wird durch die Entwicklung des ökologischen Fußabdrucks bestätigt. Er kennzeichnet die Fläche eines Menschen auf der Erde, die er für die Realisierung seines Wohlstandes unter den gegenwärtigen Produktions- und Konsumbedingungen jährlich benötigt. In Deutschland beträgt der ökologische Fußabdruck 4,6 Hektar pro Person. Demgegenüber drückt die Biokapazität die Fläche aus, die den Menschen theoretisch zur Verfügung steht, ohne dass die Grenzen der Regenerationsfähigkeit der Erde überschritten werden. Dafür stehen in Deutschland 2 Hektar pro Person im Jahr zur Verfügung. Wir erwirtschaftet dem zur Folge ein ökologisches Defizit von 2,6 Hektar pro Person. Fußabdruck und Biokapazität verharren sich seit der Jahrtausendwende unverändert defizitär auf den genannten Werten und stellen die Entkoppelungs-Aussage der Kanzlerin vor Studenten der Tsinghua Universität indirekt in Frage. D.h. wir leben über unsere Verhältnisse und erfüllen diesbezüglich keine Vorbildfunktion.
Fussabdruck und Biokapazität Deutschlands - Quelle:Global Footprint Network
Dieser Artikel beschränkt sich lediglich auf einen kleinen Teil messbarer Fehlentwicklungen in Sachen Nachhaltigkeit. Doch bereits dieser Ausschnitt wirft die Frage auf, wie ernst es die Bundesregierung meint, wenn sie u.a. im Fortschrittsbericht 2012 Nachhaltigkeit als zentrales Ziel des Regierungshandelns ausweist. Der Rat für nachhaltige Entwicklung berät die Bundesregierung zu dem Thema und hat mehrfach Verbesserungsmaßnahmen angemahnt. So kommt er in seiner Stellungnahme zum Indikatorenbericht 2014 zu der Feststellung:
„Mehr Politik ist nötig! In wichtigen Bereichen ist das Erreichen der Ziele der Bundesregierung zur nachhaltigen Entwicklung in Deutschland bis 2020 nicht gewährleistet. Die Politik ist jetzt gefordert, hier zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen.“

Obwohl in der Sache richtig, erstaunt doch das Wörtchen „jetzt“, da wir bereits Anfang der 1970er Jahre vom Club of Rome auf die Grenzen des Wachstums aufmerksam gemacht wurden und daraus resultierend seit 1989 von der Bundtland-Kommission wissen, dass dauerhafte Entwicklung im wesentlichen

„ein Wandlungsprozess ist, in dem die Nutzung von Ressourcen, das Ziel von Investitionen, die Richtung technologischer Entwicklung und institutioneller Wandel miteinander harmonieren und das derzeitige und künftige Potential vergrößern, menschliche Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen.“

D. h. Handeln ist nicht erst jetzt erforderlich, sondern seit Langem überfällig.

Nun wäre es ungerecht, so zu tun als wurde bisher nicht gehandelt worden sein. Doch offensichtlich wurde bisher zu zögerlich oder falsch agiert. Wie sonst kommt die gemeinsamer Presseerklärung des Resilience Centre an der Universität Stockholm, des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), der Australian National University, der Universität von Kopenhagen und der University of Minnesota zu der Feststellung:

„Die Belastung des Erdsystems durch den Menschen hat ein Ausmaß erreicht, bei dem plötzliche globale Veränderungen der Umwelt nicht mehr auszuschließen sind. Um weiterhin sicher leben zu können, muss der Mensch innerhalb bestimmter kritischer und fester Grenzen der Umwelt agieren und die Natur der klimatischen, geophysikalischen, atmosphärischen und ökologischen Prozesse im Erdsystem respektieren“.

Der Hinweis auf das Respektieren natürlicher Prozesse führt auf den von der Bundtland-Kommission eingeführten Begriff des Wandlungsprozesses zurück. Die Kommission versteht darunter ein Harmonieren der Bedürfnisbefriedigung dienender Faktoren. Ressourcen, Investitionen, technologische Entwicklungen institutioneller Wandel stellen Größen dar, deren Entwicklungen ökonomischen Handelns unterliegen. Das ökonomische Handeln vollzieht sich auf Märkten. Wissenschaftliche Theorien gehen davon aus, dass sich dort unter Wettbewerbsbedingen allseits optimale Ergebnisse einstellen. Die von Adam Smith symbolisch eingeführte „unsichtbare Hand“ wurde durch staatliche Maßnahmen ergänzt, die einen zerstörerischen Wettbewerb verhindern sollen. In Deutschland spricht man dann von sozialer Marktwirtschaft. Sie hat uns einerseits nie dagewesenen Wohlstand beschert und andererseits eine ökologische Situation geschaffen, in der es unter Wettbewerbs-bedingungen offensichtlich bisher nicht gelingt, die ökologischen Grenzen des Erdsystems einzuhalten. Von einem Wandlungsprozess kann demzufolge nicht gesprochen werden - er hat nicht stattgefunden.

Der Duden definiert Wettbewerb, die dominante Größe ökonomischer Regelungsprozesse, mit

 Kampf um möglichst gute Marktanteile, hohe Profite, um den Konkurrenten zu überbieten, auszuschalten; Konkurrenz“.

und nennt dazu synonyme Begriffe wie:

Gegnerschaft, Jagd, Konkurrenz[druck], Konkurrenzkampf, Konkurrenzverhältnis, Nebenbuhlerschaft, Schlacht, Wetteifer, Wettkampf, Wettstreit; Rivalität.

Unter Harmonie versteht der Duden:

ausgewogenes, ausgeglichenes Verhältnis von Teilen zueinander; Ausgewogenheit, Ebenmaß

und synonym u.a.

„Zusammenklang, Einigkeit, Einmütigkeit, Einstimmigkeit, Eintracht, Einvernehmen, Einverständnis, Frieden, Gleichklang, Übereinstimmung, Einklang“.

Wettbewerb und Harmonie stellen erkennbar unterschiedliche Werte dar. Der Vergleich macht deutlich, weshalb der Wandlungsprozess im Sinne der Bundtland-Kommission auf Basis der geltenden Kriterien der sozialen Marktwirtschaft vermutlich nicht zu erreichen sein wird: Wettbewerb kennt keine harmonisierenden Aspekte.
Paradoxerweise erscheint die Gegenwarts– und Zukunftsbeschreibung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie in harmonischem Gewand, das nicht zwingend auf einen aktuellen Handlungsbedarf verweist. Ein Beispiel geben die folgenden Managementregeln 1 und 2 der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie:

„Bürgerinnen und Bürger, Produzenten und Verbraucher, Wirtschaft und Gewerkschaften, Wissenschaft, Kirchen und Verbände sind mit dem Staat wichtige Akteure der nachhaltigen Entwicklung. Sie sollen sich am öffentlichen Dialog über das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung beteiligen und sich eigenverantwortlich in ihren Entscheidungen und Maßnahmen an diesen Zielen orientieren.
Die Unternehmen tragen für ihre Produktion und ihre Produkte die Verantwortung. Dazu gehört die Information der Verbraucher über gesundheits- und umweltrelevante Eigenschaften der Produkte sowie über nachhaltige Produktionsweisen. Der Verbraucher trägt die Verantwortung für die Auswahl des Produkts und dessen sozial und ökologisch verträgliche Nutzung“

Das in den Formulierungen anklingende Prinzip der freiwilligen Teilnahme bei der Umsetzung der Strategie entspricht unserem Grundverständnis freiheitlicher Demokratie. Die Bundeskanzlerin unterstreicht das indem sie im Vorwort zum 2.Fortschrittsbericht betont:

Nachhaltigkeit geht jeden etwas an. Sie lebt entscheidend vom persönlichen und zivilgesellschaftlichen Engagement“.

Angesichts der ökologischen Fehlentwicklungen muss über die persönliche und zivilgesellschaftliche Verantwortungsfähigkeit bzw. die damit verbundene Bereitschaft zum Engagement nachgedacht werden. In diesem Zusammenhang erscheint die Darstellung „Demokratiekompetenz der Bürger“ (Joachim Detjen, Bundeszentrale für politische Bildung) bemerkenswert. Detjen identifiziert unter dem Blickwinkel politischen Engagements vier Persönlichkeitstypen:

1. den Desinteressierten,

2. den reflektierten Zuschauer,

3. den interventionsfähigen Bürger

4. den Aktivbürger

und erklärt:

„Daraus ergibt sich ein wesentlich differenzierteres Bild über das Publikum wie auch über die Wirkungschancen der politischen Bildung.

Die Desinteressierten kann man auch als die perfekten Privatiers bezeichnen. Ihnen sind vermutlich viele ordnungsliebende Konventionalisten und die hedonistischen Materialisten zuzurechnen. Diese zahlenmäßig nicht unerhebliche Bevölkerungsgruppe nimmt für sich das Recht in Anspruch, sich um Politik nicht zu kümmern und von ihr in Ruhe gelassen zu werden.

Die reflektierten Zuschauer oder privaten Bürger setzen sich - mit Ausnahme der hedonistischen Materialisten - aus allen Persönlichkeitstypen zusammen. Diese große Gruppe mischt sich zwar nicht in die Politik ein, nimmt aber Kenntnis von den politischen Abläufen und spricht im jeweiligen persönlichen Umfeld über Politik. Sie geht zur Wahl und beteiligt sich an Abstimmungen.

Die interventionsfähigen Bürger, die auch als öffentliche Bürger bezeichnet werden könnten, setzen sich aus aktiven Realisten und nonkonformen Idealisten zusammen. Diese Gruppe zeigt zwar kein dauerhaftes politisches Engagement, ist aber fähig und bereit, je nach Situation aktiv in die Politik einzugreifen.

Die Aktivbürger können als eine Steigerungsform der öffentlichen Bürger begriffen werden. Das Politische nimmt in dieser zahlenmäßig kleinen Gruppe einen sehr hohen Stellenwert ein. Die Angehörigen dieser Gruppe haben sich zur Mitgliedschaft und zur Mitarbeit in Parteien, Interessenverbänden oder ideellen Vereinigungen entschlossen. Aus dieser Gruppe rekrutiert sich auch das politische Führungspersonal eines Gemeinwesens.“

Detjen schlussfolgert:

„Man tut gut daran, die Möglichkeiten und Wirkungen der politischen Bildung nicht zu überschätzen. Das gilt allein schon deshalb, weil sie ihre Erfolge nicht nachweisen kann. Dennoch bleibt die Hoffnung auf sie eine wesentliche Quelle des Glaubens an die Zukunft der Demokratie. "Noch nie war die Demokratie ein Selbstläufer. Niemand wird als Demokrat geboren. Demokratie ist keine Vollkaskoversicherung ohne Selbstbeteiligung."  Ausdruck dieser Selbstbeteiligung sind demokratiekompetente Bürger - seien sie nun reflektierte Zuschauer, interventionsfähige Bürger oder gar Aktivbürger. Die ihnen jeweils entsprechende Demokratiekompetenz zu vermitteln, ist klassische Aufgabe politischer Bildung - eine Aufgabe, die ihr niemand abnehmen kann“

Erfolgreich waren die Bildungsbemühungen im Zusammenhang mit der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie bisher nicht. Der Bekanntheitsgrad der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie ist gering. So nahmen am Bürgerdialog zum Fortschrittsbericht 2012 laut Presse- und Informationsamt der Bundesregierung viele Bürger und Bürgerinnen teil. Angesicht der hinter dieser Behauptung stehenden 72.000 Internet-Seitenaufrufe, 1600 Stellungnahmen und Kommentare sowie weiteren 2.100 Bewertungen, verleitet die Quantifizierung „viele“ zu einem wohlwollendem Lächeln. Ähnlich sieht es bei der Teilnahme der aktuell in Entwicklung befindlichen Zukunftscharta aus. Hier beteiligten sich jüngst lediglich 650 Bürger und Bürgerinnen an der Online-Dialog-Aktion.

Vor diesem Hintergrund und den angesprochenen Persönlichkeitstypen reicht eine Bildungsoffensive nicht aus, um das von der Bundeskanzlerin eingeforderte persönliche Engagement wesentlich zu erhöhen. Was nicht heißen soll, dass sie nicht dennoch dringend notwendig ist.

Unter Berücksichtigung der nach Lage der Dinge weiter fortschreitenden Zerstörung von Lebensgrundlagen, trotz der zweifelsfrei unternommener Bemühungen im Rahmen nachhaltigen Handelns, kommt eine Bildungs – und Dialogkampagne nicht ohne die Beteiligung der Medien aus. Deren Auseinandersetzung mit den überlebenswichtigen Aspekten aktueller Tagesereignisse entspricht nicht der Aufklärungs- bzw. Vermittlungsverantwortung einer vierten Gewalt, die den Medien neben Legislative, Exekutive und Judikative in einer freiheitlichen Demokratie zufällt. Damit sind die Ausklammerungen ökologischer Auswirkungen gegenwärtig verstärkt geforderter Investitionsprogramme gemeint. Hinter diesem Defizit verbirgt sich eine Wettbewerbsentwicklung im Medienbereich, die sich weit entfernt von einer von der Bundtland-Kommission avisierten Harmonisierung gesellschaftlich relevanter Aktivitäten vollzieht. Angesichts daraus resultierender journalistischer Anpassung und fehlendem Mut appelliert der Philosoph Andreas Weber in einem Interview auf YouTube an seine Zunft:

Jeder Kollege sollte sich immer wieder an seinen ureigensten Antrieb erinnern, dass er der Welt etwas sagen wollte“.

Mit Blick auf den Wandlungsprozess kann oder besser muss in der Debatte die Art und Weise wie die Wohlstandsgesellschaften heute leben, in Frage gestellt werden. Im Prinzip wissen Politik und Gesellschaft um die Unumgänglichkeit der Beantwortung dieser Frage. Ist die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ nicht auch aus dieser Perspektive 2011 von der Bundesregierung eingesetzt worden? In ca. 25 dreistündigen Sitzungen haben jeweils 17 Parlamentarier und Sachverständige über einen Zeitraum von 2 Jahren versucht, Antworten zu dem Thema zu finden. Das Ergebnis wurde in einem über 900-seitigen Schlussbericht dokumentiert. Auf einen gemeinsamen Entschließungsantrag für die Bundesregierung konnte sich die nach dem Parteienproporz zusammengesetzte Kommission nicht verständigen. Die separaten Anträge der seinerzeitigen Koalition (CDU/CSU und FDP) und Opposition (SPD, Grüne, Linke) zielen einzig übereinstimmend auf die Entwicklung eines Indikatorensatzes ab, der zukünftig als Ergänzung zum BIP als Messinstrument für Wohlstand dienen soll. Die signifikanten Meinungsunterschiede, die letztlich auch mit unterschiedlichen Handlungsperspektiven verbunden sind, spiegeln sich in folgenden Formulierungen wieder:

Koalition: „Der Deutsche Bundestag begrüßt den Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ und seinen zentralen Ansatz, mit ökonomischen, sozialen und ökologischen Indikatoren ein breites Verständnis von Wohlstand und Lebensqualität abzubilden.“

Opposition: Der Bundestag begrüßt den Abschlussbericht der Enquete-Kommission und die erarbeiteten Erkenntnisse, insbesondere, dass Wachstum kein Ziel an sich ist, sondern Folge von politischem und wirtschaftlichem Handeln. Im Vordergrund steht die Sicherung einer hohen Lebensqualität und ökologischen Nachhaltigkeit. Perspektivisch geht es darum, eine tiefgreifende sozial-ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft einzuleiten. Hierzu ist eine neue Wohlstandsmessung nötig, die das Bruttoinlandsprodukt (BIP) relativiert und die sozialen und ökologischen Dimensionen gleichberechtigt berücksichtigt“

Im Koalitionsvertrag, in dem sich beide Kommissionsseiten wiedertreffen heißt es dann:

„Wir wollen unser Regierungshandeln stärker an den Werten und Zielen der Bürgerinnen und Bürger ausrichten und führen daher einen Dialog mit ihnen über ihr Verständnis von Lebensqualität durch. Die vorliegenden Gutachten und Indikatorensysteme, z. B. der entsprechenden Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages und des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, beziehen wir mit ein.
Auf dieser Basis werden wir ein Indikatoren- und Berichtssystem zur Lebensqualität in Deutschland entwickeln. Es soll im regelmäßigen Abstand in verständlicher Form über Stand und Fortschritt bei der Verbesserung von Lebensqualität in Deutschland Auskunft geben. Wir wollen damit die Information über die sozialen, ökologischen und ökonomischen Dimensionen von Lebensqualität und Fortschritt verbessern.“

Weder in Verlautbarungen der Politik noch in den Medien konnten die Bürger- und Bürgerinnen etwas der Relevanz entsprechendes von diesem proklamierten Regierungshandeln wahrnehmen, das in Bezug zu diesen Indikatoren steht. Die Indikatoren der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie finden sich weitgehend auch im Indikatorsatz der Enquete-Kommission wieder. Die Zielverfehlungen wurden hier an Beispielen ausführlich dargestellt. Eine öffentliche Diskussion darüber findet nicht statt. Wie soll vor diesem Hintergrund ein Nachhaltigkeitsprozess in Gange kommen, der diesen Namen verdient? Insofern ist dem Appell:

Politik muss handeln 

in der Stellungnahme des Rates für nachhaltige Entwicklung uneingeschränkt zuzustimmen. Der Debatte über zukünftiges Handeln soll ein eigener Artikel gewidmet werden. Ein Leitgedanke dieser Debatte besteht darin, dass es einen erkennbaren, d. h. messbaren Bezug zwischen individuellem Handeln und Ergebnis dieses Handeln geben muss. Entsprechende Instrumente bereitzustellen, ist eine schwierige Aufgabe für Politik und Wissenschaft. Ob die Indikatorensätze diese Kriterien erfüllen, ist zu prüfen. Die Wirkungen eigenen Handelns erkennen zu können, bildet letztlich eine Voraussetzung für die Erfüllung des Aufrufes der Bundeskanzlerin:

"Nachhaltigkeit geht jeden etwas an. Sie lebt entscheidend vom persönlichen und zivilgesellschaftlichen Engagement“.
03.11.2014