Stahlindustrie im Gleichgewicht von Ökologie, Soziologie und Ökonomie?



Der Vorstandsvorsitzende des Stahlkonzerns voestalpine, Wolfgang Eder, geht mit einem neuen Werk in die USA. Dort findet der Konzern bessere ökonomische und ökologische Rahmenbedingungen. Eder weist in einem Interview in der Zeit 45/2014 darauf hin, dass die Energie-Effizienz der deutschen Stahlhersteller sich gegenüber um 1990 um 21% verbessert hat. Nach maximal 3% Steigerung über die nächsten 10 Jahre sei das Ende der Effizienz-Steigerung aus technologischen Gründen erreicht. Aufgrund der europäischen Umwelt- und Sozialstandards wäre sein Unternehmen auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig.

Ein Blick in das Themenpapier von stahl-online.de mit dem Titel „Energiewirtschaft“ bestätigt die Feststellung und unterstreicht die Umweltbemühungen der Branche. Zwei Faktoren sollten allerdings ergänzt werden. Erstens: Die absoluten CO2-Emissionen der Stahlindustrie haben sich seit Anfang der 1990er Jahre nachfragebedingt nicht nennenswert verringert, d.h. ein klimaschonender Effekt kann nicht verbucht werden. Zweitens: Die innovationsbedingten Effizienzsteigerungen bzgl. Energieverbrauch und CO2-Emissionen wurden zu einen großen Teil bereits in 1990er Jahren erreicht und stehen im Zusammenhang mit Betriebsstilllegungen in den neuen Bundesländern. Seit ca. 2005 verharren Energieverbrauch und CO2-Emissionen pro Tonne Stahl auf gleichem Niveau. Dem zur Folge erscheinen die von Eder prognostizierten 3% Effizienzsteigerung eher optimistisch.

Quelle: stahl-online.de


Die Ergebnisse der Stahlindustrie korrelieren im Übrigen mit den Indikatoren Energie- und Rohstoffproduktivität der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, die jährlich vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht werden. Darin zeigt sich die Problematik der ökologischen Nachhaltigkeitsdiskussion: Verbesserungen durch technische Innovationen werden durch erhöhte globale Nachfrage kompensiert oder gar überkompensiert (Rebound). Die Hoffnungen auf ein sich in den nächsten Jahrzehnten einstellendes Gleichgewicht zwischen ökologischem Fußabdruck und Biokapazität basiert auf technischen Innovationen und einem weitgehenden Ersatz fossiler Energieträger. Beides sind Hoffnungen – kein gesichertes Wissen. Reicht das vor dem Hintergrund dessen, was auf dem Spiel steht?

Der voestalpine-Chef weicht dieser Frage aus, investiert in den USA, ein Land mit einem sechsfach höheren ökologischen Defizit als Europa und weist auf die Industrie als „wichtigsten Pfeiler unseres Wohlstandes“ hin. Er ist der Ansicht, dass „wenn die Gesellschaft dafür nichts tun will, wenn ihr der Wohlstand als vielleicht selbstverständlich erscheint, dann- und das sollte man ihr klar sagen – werden wir uns diesen Wohlstand nicht mehr auf Dauer leisten können. Dann wird auch die Gefahr sozialer Spannungen massiv steigen“. Eder hat gleich in dreifacher Hinsicht recht: 1.Diesen Wohlstand - besser hätte er formulieren sollen „diesen sowohl von Überfluss als auch von Ungerechtigkeiten gekennzeichneten Wohlstand“ können wir uns nicht leisten. 2. Man muss es den Menschen klarer machen, als das bisher geschieht. 3. Es gibt das Risiko steigender sozialer Spannungen, die umso massiver werden, je weniger man die Menschen darüber aufklärt.

Wäre es nicht nachhaltiger gewesen, in Europa zu bleiben und hier den Punkt 2 unter dem Gesichtspunkt des Begriffes Suffizienz zu diskutieren?
06.11.2014