Neustart – statt Mut der Verzweiflung (Leserbrief an die ZEIT)

Kopie an die MdB meines Wahlkreises Frau Stadler (SPD); Herrn Grosse-Bröhmer (CDU)

2017 – ein Jahr der Wetterextreme und der politischen Destabilisierungen. Die ZEIT-1/2018 reagiert mit mehreren Aufsätzen mit einer Suche nach Utopien, die einen Ausweg aus der bedrohlichen Weltlage weisen könnten. 
Seit Jahren schon besteht bei vielen Menschen die Einsicht und Bereitschaft den Lebensstil des Überflusses in den Industrieländern zu verändern. Allein in der Masse sahen  sich diese „Querulanten“  regelmäßig konfrontiert mit den, wie die ZEIT-Journalistin Lea Frehse sagen würde, absurden Hinweisen auf  Zwänge, die eingeschlagenen ökonomischen Pfad nicht verlassen zu können. 
Bisher sangen auch die Medien das Lied der Wachstumsprediger. Jetzt endlich hört man, da die Politik immer öfter ohne Lösungen bleibt, auch in den Medien  Forderungen wie: „die Städte …vertragen den Autoverkehr nicht mehr….Entstehen muss eine neue Stadt“ (Bernd Ulrich). Oder sinngemäß: „der Ökotraum darf sich nicht auf das heimische Kompostieren, auf grüne Stromerzeugung oder bemooste Dächer beschränken. Es muss radikal gedacht werden“ (Petra Pinzler). Der Vorschlag, allen Bürgern mit einer Deutschlandkarte die kostenlose Nutzung zahlreicher Grundleistungen zu ermöglichen (Mark Schieritz), hat das Potential zur Initiierung einer sozialen Transformation. 
Zusammenfassend setzt diese Artikelsammlung die kritische Auseinandersetzung mit der „Politik des breiten Konsens und der mittleren Vernunft“ fort (Bienen/Ulrich, 44/2017). Die Artikel haben das Potential zur Entwicklung von Narrativen, ohne die die viel zitierte Transformation nicht gelingen dürfte. Berücksichtigt man, dass die Zeit ca. 400.000 Entscheider erreicht (ZEIT 28.6.17), sollten die Artikel nicht als Mut der Verzweiflung bezeichnet werden (Bernd Ulrich), sondern als lange überfälliges Wachrütteln derjenigen, die wider besseres Wissen nicht (mehr) geeignete Pfade verlassen können oder wollen.
Vo 30.12.2017

Bürgerbewegung

Felix Kolb (Mitbegründer der Bewegungsstiftung und Bürgerbewegung Campact e. V.) Zitat:
Campact ist primär für Menschen da, die zwar Interesse an Politik, aber zu viel um die Ohren haben: Arbeit, Familie, Freunde oder Kinder. Sie würden sich aber trotzdem gern mehr in das politische Geschehen einbringen. Man kennt ja diese Statements, dass Politiker eh machen, was sie wollen. Auch diesen Frustrierten wollen wir klar machen: Okay, es gibt sehr ärgerliche Entscheidungen, aber Politik reagiert durchaus darauf, wenn sich Menschen engagieren und für Veränderung einsetzen. Wir zeigen, dass Politik Spaß macht und man nicht gleich das ganze Leben umkrempeln muss, um sich zu beteiligen. Stück für Stück wird so Gesellschaft verändert.
https://www.campact.de/

.Glyphosat- verbieten oder nicht? oder: Sind Insekten auch Verbraucher?


Wie für so vieles heute gilt auch im Fall Glyphosat: nur sehr wenige Menschen, wenn überhaupt, kennen die Faktenlage, die für eine Pro oder Kontra-Entscheidung notwendig ist. Man lebt von den Informationen, die Wissenschaftler zur Verfügung stellen und die anschließend von der Gesellschaft kommuniziert werden. Dabei spielen unterschiedliche Interessen vermutlich die entscheidende Rolle. Für Umweltorganisationen steht die Sorge um den Erhalt der Lebensgrundlagen im Mittelpunkt, während für die Landwirtschaft und insbesondere für die Agrarindustrie das wirtschaftliche Interesse (im Rahmen gesetzlicher Vorgaben) im Fokus stehen dürfte.
Die WHO-Krebsforschungsagentur stuft Glyphosat als „Wahrscheinlich krebserregend“ ein, das Bundesinstitut für Risikobewertung wertet: „nicht krebserregend“. Dabei unterscheiden sich laut ZEIT (09.11.17) die Prüfmethoden. Zitat: “So kann es zu Einschätzungen kommen, die unterschiedlich klingen, aber einander nicht widersprechen. Weil etwa Glyphosat prinzipiell Krebs auslösen könnte, aber nicht in den Mengen, mit denen Verbraucher damit in Kontakt kommen“.
Vor dem Hintergrund des Insektensterbens stellt sich die Frage: Sind Insekten Verbraucher?
Der ZEIT-Artikel endet mit dem Satz: “Ob die Prüfer Glyphosat am Ende richtig einschätzen, wird sich womöglich erst in Zukunft zeigen“
Nicht erst seit dem Abgasskandal und den kürzlich aufgetauchten Paradise-Papers ist mein Vertrauen in „Kapital“ und Vertreter der Groß-Industrie „getrübt“. Und so schwingt auch im Fall Glyphosat die Frage nach dem Einsatz von Kapital als „Bewertungsunterstützer“ leise aber deutlich hörbar in meinen Gedanken mit.
Mein Fazit: Kontra aus Gründen des Vorsorgeprinzips.
12.11.2017

Offener Brief an den ZEIT-Redakteur Bernd Ulrich



31.10.2017
Sehr geehrter Herr Ulrich,
bereits in der ZEIT-Ausgabe vom 27.7.2017 haben Sie deutliche Aussagen über das gesellschaftliche Fehlverhalten zum Thema Ökologie formuliert. In der aktuellen Ausgabe setzen sie diese längst überfällige Form der medialen Berichterstattung unter dem Titel „Die Wahrheit auf sechs Beinen“ fort. Sie kritisieren darin am Beispiel des Insektensterbens die praktizierte Politik des breiten Konsens und der mittleren Vernunft, die dazu führt, dass erkannte Probleme nicht in der sachlich gebotenen Konsequenz behandelt werden.
In der gleichen Ausgabe beklagt die Chefin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, dass die Medien lediglich über Themen mit relevanten Neuigkeitswerten berichten. Damit fehle der Druck auf die Politik, denn, Zitat: „Die Politiker nehmen ein Problem sehr viel ernster, wenn es in den Medien eine Rolle spielt.“
Wenn Sie nun das Versagen der Politik beim Phänomen des Insektensterbens feststellen, dann sollten Sie auch den Medienaspekt von Frau Krautzberger nicht unerwähnt lassen. Seit Jahrzehnten wissen wir um die Folgen unseres menschlichen Handelns. Der Trend weist lange schon in Richtung ökologische Katastrophe, ohne dass die Medien der Bedrohung entsprechend berichtet hätten. Deshalb kann man Ihren gemeinsam mit Frau Prinzler verfassten Artikel sehr begrüßen und auf eine kontinuierliche Themenfortsetzung hoffen. Dabei erscheint es besonders wichtig, Zusammenhänge menschlichen Handeln und den ökologischen Auswirkungen aufzuklären. Das betrifft besonders Berichte aus der Wirtschaftsredaktion. Hier wird nur selten und wenig kritisch auf die Verbindung zwischen Ökologie und Ökonomie eingegangen. Und mit etwas Mut, könnte man beispielsweise das von der Zielstellung des 3-Säulen-Gleichgewichts „Ökologie-Soziologie-Ökonomie“ abweichende real existierende Primat der Ökonomie als eine Ursache der ökologischen Katastrophe identifizieren. Ähnliches gilt für den irrtümlich als Freiheitsymbol verstandenen, stark ressourcenverbrauchenden Individualverkehr.
Seien Sie bitte weiterhin konstruktiv wütend im Sinne von „Die Wahrheit auf sechs Beinen“.
Mit freundlichen Grüßen 
Peter Vollmer

Veröffentlicht als Leserbrief in der ZEIT