Es ist Zeit, die Tatsachen beim Namen zu nennen!


Kopie an meine Abgeordneten im Bundestag:
michael.grosse-broemer@wk.bundestag.de
svenja.stadler@bundestag.de


Der Sommer 2018 hat zumindest in Deutschland etwas verändert. Nicht, dass Entscheidendes  gegen Klimawandel oder für die Umwelt getan wird – nein, soweit sind wir noch lange nicht - sieht man mal von der Ächtung der Plastiktüten und -strohhalme und ähnlich geringwirksamen Veränderungsbemühungen ab. Verändert haben sich in den Medien Häufigkeit und Umfang der Berichte über den bedrohlichen Zustand der Erde - obwohl es sich dabei um altbekannte, zum Teil jahrzehntealte Erkenntnisse handelt. Es kommen plötzlich Wissenschaftler zu Wort, die die Gründe der umweltrelevanten Stagnation beim Namen nennen; zum Beispiel: dass das praktizierte Wirtschaftssystem nicht zukunftsfähig ist, dass Unternehmen Ihrer Verantwortung oft nicht gerecht werden, dass Verbraucher die Wirkungen ihres Tuns nicht erkennen, dass das sogenannte „Fegen vor der eigenen Haustür“ nicht ausreicht.
Um einseitige Schuldzuweisungen zu vermeiden: WIR haben versagt! – milder ausgedrückt: WIR haben uns verirrt! Während Menschen in vielen Regionen der Erde  sich für die Interessen ihrer Eliten gegenseitig abgeschlachtet haben, ca. 1 Milliarde Menschen hungerten, haben wir in den Industrienationen ein Überflusswohlstandssystem aufgebaut, das jüngst Kinder veranlasst, uns Erwachsene auf fehlende Verantwortung hinzuweisen. Darin deutet sich eine Zäsur an. Während man in der Vergangenheit aus mehreren Gründen lediglich von einer institutionellen Verantwortung der Industrienationen für die Ausbeutung der Erde  ausgehen konnte, klagt der Protest der Kinder die Phase der individuellen Verantwortung ein. Da gibt es keine Ausreden mehr – der von Profiteuren, notorischen Positivdenkern und Ignoranten tabuisierte erhobene Zeigefinger wird gesellschaftsfähig. Er signalisiert die letzte Chance, den Lebensstil an die Gesetzmäßigkeiten der Erde anzupassen. Die Bereitschaft dazu, müssen wir Bürger den Politikern eindringlich erklären, einen kulturellen Wandel fordern. Das setzt die Verabschiedung von der verbreiteten Selbstüberschätzung von Teilen der Gesellschaft voraus. Die Begriffe Freiheit und Recht sind auf Basis der planetarischen Grenzen (für das menschliche Leben) neu zu definieren.
Die Kinder sind erwacht (erwachsen). Sie müssen zukünftig ertragen, dass das 2-Grad-Ziel der Klimaerwärmung nicht erreicht wird (so sieht es aus, die erforderliche Trendwende ist nicht in Sicht). Sie müssen es ertragen, weil wir Eltern und Großeltern seit Jahrzehnten die Warnsignale verschlafen. – Es ist Zeit, die Tatsachen beim Namen zu nennen!
Vo/25.02.19

Varianten der Bevormundung


In dem ZEIT-Interview (7/2019) „Wie wird die Luft besser“ vertritt Herr Thomas Steg (VW) die Ansicht: “Der Weg der Bevormundung führt ganz sicher nicht zum Erfolg.“ Dem ist grundsätzlich zuzustimmen. Es handelt sich dabei um eine Standardformulierung, die häufig dann zum Einsatz kommt, wenn es um einen Interessenkonflikt zwischen Umwelt und Wirtschaft geht. Dabei wird jedoch allzu oft das Wesentliche übersehen bzw. verdrängt: der Konflikt zwischen den bewusstseinsabhängigen Ansprüchen des Menschen und den ökologischen Gesetzmäßigkeiten der Erde. Deshalb hat man es heute mit dem Zeitalter des Anthropözän und seiner unvorhersehbaren Entwicklung zu tun. Wer hat hier wen bevormundet? 
Vo/09.02.2019